fiftyfifty - Obdachlosenzeitung aus Essen

Mehr nur als eine Obdachlosenzeitung. Tolle Beiträge, gut geschrieben. Mitdenken erlaubt. Keine Aneinanderreihung extrem linker Themen mit entsprechend einseitigen Berichten. Hochwertige Aufmachung, Texte und Berichte, die immer wieder das für und wieder darstellen und die Wertung uns Lesern offenlassen. Eine Offenbarung für eine Obdachlosenzeitung, für mich klar in der Qualität einer guten Regionalzeitung.

 

Offensichtlich war die erste Obdachlosenzeitung in Essen die Falsche, denn Fiftyfifty ist der Platzhirsch und die richtige offizielle Obdachlosenzeitung. Die hat mir meine Frau dieses mal mitgebracht, das sie meine Vorliebe dafür kennt.

 

 

 

Die vorliegende Ausgabe der Fiftyfifty:

 

Ist der 22.Jahrgang Juni 2016 mit folgenden Inhalten:

 

Vorne: Über 10 Mio verkaufte Hefte. Über 5000 Obdachlose in Wohnungen vermittelt. Preis 1,95 Euro, davon 95 Cent für den Verkäufer. Der Aufmacher ist mit Sarah Wagenknecht die einen Artikel „Freiheit statt Kapitalismus“ für fiftyfifty verfasst hat.

 

Seite 2: Das Vorwort von Katharina Uhlig Mitglied der Redaktion über unsere Wahrnehmung von Obdachlosen und einer sehr sanften aber sensationell zurückhaltend beschriebenen Aufforderung zu mehr Barmherzigkeit. Und entsprechend einsetzen des Verstandes. Respekt, das rührendste und doch gefühlt ehrlichste Vorwort was ich seit langem gelesen habe.

 

Seite 3: Mein sehr geschätzter Lieblingsfilmkritiker Oliver Kalkofe (den ich schon immer gut fand, aber seit „Schlefaz“ abgöttisch verehre), hat einen Abdruck zum Thema „Die deutsche Krimi-Krise“ aus seinem TV Spielfilm Beitrag gestattet. Grandios und gnadenlos wie immer legt Olli seinen Finger in die Wunden der Macher und hinterläßt uns ratlose Konsumenten in der bitteren Realität des TV Irrsinns.

 

Seite 4 und 5 Erinnerungsort Alter Schlachthof: Gedenkstätte für die Massendeportation aus Düsseldorf. Au nein nicht schon wieder Drittes Reich. Echt, ich bin 1969 geboren und ja es ist super mega ultra schlimm was damals passiert. Und kein „aber“, denn ein aber negiert das zuvor gesagt. Entsprechend : Natürlich lese ich den Artikel. Und sorry, auch wenn man echt nichts mehr lesen und hören mag vom dritten Reich, das was hier steht treibt einem mehrfach den Klos in den Hals. Und das Muster des Vorworts überträgt sich auch auf den Artikel: Hier gibt es keinen Holzhammer der einen drauf stößt. Das ganze ist so geschrieben, fast nüchtern, fast sachlich, so das das Grauen im Kopf sich manifestiert ob man will oder nicht. Und natürlich ändert sich mein Leben und meine Einstellung, jedoch die Einstellung und die Erinnerung an die Gräuel bekommen eine nachhaltige Nuance. Bemerkenswert.

 

Seite 6-10 Sarah Wagenknecht. Yepp natürlich sieht die gut aus, das weiß sie und die Redaktion entsprechend gibt es auch auf Seite 6 ein ganzseitiges Foto von ihr. Und ok: Ich komme aus einem traditionell SPD lastigen Hort, von daher könnte man gewisse Sympathien mit den Linken vermuten. Als Bänker wurden mir natürlich die Sozialflausen schnell ausgetrieben und dennoch bin ich ganz stolz, das in jeder Wahlomat Befragung ganz links und ganz rechts komplett bei mir durchs Raster fällt. Wagenknecht ist natürlich wie Lafontaine und Gysy eine begnadete Rhetorikerin und da sie so niedlich und zierlich wirkt, will man ihr auch glauben, was sie für sozialkitschigen Wortklau so raushaut. Ehrlich? Klar, wenn alle Menschen vernünftig und pragmatisch: Yepp, setzen wir ihre Vorschläge um. Immerhin hat die gute Frau Vorschläge und polemisiert zumindest nicht nur in Nebelhülsen rum. Dummerweise sind aber die Menschen alle unterschiedlich und da kann man den guten Wowereit auch nur zitieren: Und das ist gut so. Folglich sind diese ganzen Lila bunte Laune Phantasien eben jenes und ich bin mir sicher, das die gute Sahra das selbst auch genau weiß. Was passiert wenn man unsinnige Thesen verkündet und auf einmal für sich selbst überraschend das Zepter in die Hand bekommt, haben die englischen Brexit-Befürworter ja sensationell vorgemacht. „Schwanz einklemmen und abhauen“, tja das könnte die gute Sahra ja technisch noch gar nicht.

 

Egal: Es bleibt dabei wirklich toll geschrieben. Aber halt für eine Parallel Welt die auf Vernunft und Miteinander basiert. Einer Welt die Huxley mit „Schöne neue Welt“ schon viel früher deutlich beschrieben.Von daher nehme ich die Eigenwerbung für ihr Buch auch nicht böse.

 

Seite 11: Ort des Geschehens über die Kunsthalle in Düsseldorf und unten ein kurzer Beitrag Männer und Frauen über Poetry Slam.. Beide Artikel feinste Kunst- und Kulturbeiträge die so hochwertig sind, das ich mich ernsthaft frage, wie das eine Obdachlosenredaktion leisten kann.

 

Seite 12: Werbung

 

Seite 13: Cannabis legalisieren? Ein Pro und Contra und wieder die Linie: Hochwertige Information im nüchternen Vergleich. Und somit kann ich beide Parteien gut verstehen und bin -Gott sei Dank- bei meiner Ursprungseinstellung zum Thema: Keine Ahnung, es gibt viele Pro und Contras und hier haben die Autoren einfach meine beiden Gedankenwelten weitere Fragmente beigefügt. Wohlwollend

 

Seite 14-15 über den Straßenkünstler Moondog. Hatte noch nie von ihm gehört und ich hätte ihm auf der Straße auch sicherlich nicht zugehört.Der Artikel ist aber wieder einmal sensationell geschrieben, informativ und unterhaltsam.

 

Seite 16-17 Splitter: Wie der Name schon sagt, kurze Beiträge flankiert von Werbung, die einfach das positive Gesamtbild der Zeitung abrunden

 

Seite 18-18 Besser ich hätte kein Kind bekommen. Ein Hammertabu Thema. Vor dem Hintergrund das mir gefühlt meine Ex-Frau unsere gemeinsame Tochter einen Tag nach der Hochzeit durch ihren Auszug geklaut hat, sehr persönlich für mich. Hinzu kommt ja, das ich erst mit meiner jetzigen Frau vor 18 Monaten ein Kind adoptiert hatten. Hier schildern Frauen wie sie sich ihr Leben ohne ihre Kinder vorstellen. Natürlich lieben sie ihre Kinder, dennoch können sie sehr genau sich ein Bild entwerfen, wie es ohne gewesen wäre und vermutlich wäre es anders, einfacher gelaufen. Das ganze ist Gott sei Dank nicht so plakativ und provokativ, sondern schlicht und nüchtern, so das man die Frauen automatisch nicht verurteilt, sondern sein eigenes Leben noch einmal neu betrachtet. Es bleibt dabei: Die Qualität der Artikel ist so sensationell gut, das man schon ein schlechtes Gewissen bekommt, bislang erst eine Ausgabe gekauft zu haben.

 

Seite 20-21 Kultur: Splitter aus aktuellen Themen die ebenfalls Regionalzeitungqualität besitzen

 

Seite 22: Solche Alternativen für Deutschland brauchen wir nicht. Hammer Rainer Maria Woelki Erzbischof von Köln rechnet mal mit den verrückten ab und auch wird nicht los polemisiert, sondern geschrieben, beschrieben und somit diese Brandstifter überführt. Hier bedarf es auch nicht so viel, da diese Partei ja kein Programm hat und im nüchternen Zustand sicherlich selbst zugeben würde, was für einen populistischen Unsinn sie da verzapfen.

 

Seite 23: Echo und Herausgeber Angaben.

 

 

 

Fazit zur Fiftyfifty:

 

 

Ich habe ja schon einige Obdachlosenzeitungen gelesen. Die meisten waren gut, wenn nicht sogar sehr gut. Aber diese hier ist sensationell. Vielleicht habe ich auch die Highlight des Jahres Ausgabe erwischt. Die Qualität der Artikel ist hervorragend. Besonders die Art wie die Berichte aufgebaut sind. Hier ist eigenes Mitdenken offensichtlich bewußt erlaubt und das erlebt man so selten. Nüchtern und doch deutlich schildern und erläutern und mir als Leser die Entscheidung offen lassen, ob ich das gut finde oder nicht. Ganz große Klasse , dieses Format werde ich sicherlich noch das eine oder andere mal in meiner neuen Wahlheimat Essen käuflich gerne erwerben.

 

Bis auf den Wagenknecht Ausraster Beitrag glatte 100 von 100 möglichen Punkten

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