37 Ansichtskarten, Kleines Theater Essen

Schwarzer Humor very britisch, sensibel und doch krachend umgesetzt. Leidenschaftliche Darsteller, ein positiv familiär anheimelndes Theater, diese Kombination sorgt für große Freude bei groß und Klein

Wenn meine 14jährige mir mal Audienz gibt, will ich auch schon mal was mit ihr unternehmen. Den Sonntag vorher waren wir im Aalto Theater zu einem Kammerkonzert und am Samstag den 02.04.2016 um 20 Uhr im Kleinen Theater Essen zum Bühnenstück 37 Ansichtskarten von Michael McKeever.





Organisatorisches zum 37 Ansichtskarten im Kleinen Theater Essen

 

Das Kleine Theater findet man am Gänsemarkt 42 in Essen. Wer sich was besser auskennt: Vom Kennedyplatz aus Richtung Limbecker Platz und dann kurz davor. Also verlaufen geht nicht. Telefonisch kann man das Theater unter 0201/5209852 erreichen.

 

Die Karten habe ich unter http://www.kleines-theater-essen.de/Spielplan.htm bestellt und nachdem die E-Rechnung kam, das Geld überwiesen und am Abend bin ich dann mit meinem Namen eingecheckt.

 

Am besten erreicht man das Theater zu Fuß oder halt per Bahn. Da der Limbecker Platz um die Ecke ist, sollte für das Auto auch kein Problem sein.

 

Man muß ein paar Treppenstufen runter und kommt dann im wahrsten Sinne des Wortes in ein kleines Theater wo man (nicht nur für Essener Verhältnisse) ungewöhnlich nett empfangen wird. Das ganze hat einen zutiefst angenehmen familiären Charakter und der Hauch der Kunst weht durch jede Pore, aber auf subtile und somit angenehme Art und Weise.

 

Wir waren 15 Minuten zu früh und haben uns in den wenigen Sitzmöglichkeiten im „Foyer“ breit gemacht. Da standen dann kleine Schüsselchen mit Nüsschen und Knabbergebäck, die andere dann mit in den „Saal“ genommen haben.

 

Zu trinken gibt es vom Wasser über Säfte, Fassbrause, Bier bis Sekt alles was das Herz begehrt zu fairen Konditionen. Auch diese Sachen konnte man mit in den Saal nehmen.





Ablauf zu 37 Ansichtskarten im Kleinen Theater Essen:

 

10 Minuten vor Beginn, wird der Kleine Vorhang neben dem „Foyer“ gelüftet und man bekommt freundlich die Karten eingerissen. Dann gehe ich in diesen niedlichen kleinen Raum mit den (ich glaube) 10x7 Stuhlreihen.

 

An dem Abend waren wir 9 Zuschauer, schade für die 7 Schauspieler die sich auf der Bühne die Seele aus dem Leib gespielt haben.

 

Aus dem wenig Raum wurde dann das maximale rausgeholt. Während vorne die kleine Bühne noch eine Art Tür nach hinten hatte, kamen die Schauspieler meistens aus einem Seiteneingang, aber oft gingen oder kamen die Schauspieler durch die selbe kleine Pforte, wo wir Zuschauer auch in den Raum geschlupft sind.

 

Mir ist nicht aufgefallen, das der Saal etwas abgewinkelt war, aber ich habe das starke Gefühl, das auch die hinteren Sitzreihen einen extrem guten Blick auf die Bühne hatten.

Nach ca 1 Stunde war eine Pause, wo man sich dann die Beine vertreten, frisch machen, Getränke auffrischen, Getränke „wegbringen“ oder einfach nur eine rauchen gehen konnte.

Nach der Pause ging es mit gleichem spartanischen Set weiter und wurde trotz des spärlichen Publikums maximale Spielfreude gezeigt.

 

Am Ende dann lang anhaltender Applaus, sofern man die wenigen Personen lärmtechnisch so bezeichnen kann. Da ja alles sehr klein ist, konnte man anschließend auch noch den einen oder anderen Darsteller im Eingangsbereich „interviewen“.







Zum Bühnenstück und Interpretation der dargebotenen Leistung bei 37 Ansichtskarten im Kleinen Theater Essen:

 

Zu Beginn des Stückes sehen wir 2 Damen. Die eine ist Everly Sutton und die Tante Esther. Wir befinden uns im Hause der wohlhabenden englischen Familie Sutton und obwohl die Damen etwas exaltiert wirken, hat das ganze doch einen subtil rustikalen Charme.

 

Offensichtlich stimmt aber dann doch das eine oder andere im Detail nicht. Das Haus ist schief bis sehr schief. Everly reichlich verwirrt und echauffiert sich ständig über das nicht vorhandene Dienstmädchen.

 

Und Tante Esther redet immer irgendwie um ihre „Anrufe“. Die Richtung ist klar: Irgendwas stimmt im Hause Sutton nicht.

Wir erfahren das Everly so aufgeregt ist, weil ihr Sohn Avery nach 8jähriger Europa Reise nach Hause kommt.

 

Als das Telefon schrillt und Esther den wohl annehmen muß, geht Everly mal wieder nach dem Dienstmädchen schauen.

Wir sehen dann wie Avery mit einer außergewöhnlichen hübschen jungen Dame auf der Bildfläche erscheint. Sie wird sich als Gilian, seine Verlobte herausstellen.

 

Avery ist froh wieder zu Hause zu sein. Doch der Zustand des Hauses und das alles irgendwie schief ist, macht ihn doch nachdenklich.

 

Noch nachdenklicher für beide wird es jedoch als zuerst Tante Esther auftaucht und sie freundlich empfängt, im Gegensatz zur Granny die pöbelnd kurz die Szenerie betritt. Was an und für sich nicht ungewöhnlich wäre, hätte Everly ihm nicht vor Jahren mitgeteilt, das Granny gestorben wäre.

 

Nun als Everly auftaucht ist die Granny wieder weg und als Avery sie auf die Wiederaufstehung anspricht ist Everly komplett überrascht. Aber Esther kann das ganze schnell klären, lebt die Granny doch schon seit Jahren in der kleinen Kammer neben der Küche.

 

Man merkt Everly an wie verwirrt sie ist (Stichwort: Auf wessen Beerdigung waren wir dann). Averys Vater taucht dann auch hin- und wieder auf, ist aber meistens mal direkt wieder unterwegs ein paar (Golf-)bälle schlagen. Als dann Esther Gilian bittet „Fellatio“ zu sagen, und sie von Everly eh schon die ganze Zeit als das Dienstmädchen angesprochen wird, reicht es ihr erst mal und sie verkrümmelt sich in ihr Zimmer.

 

Avery ist noch zu geschockt um Everlys Warnung „die Toilette explodiert manchmal“ an Gilian weiter zu geben. Was ist nur in seiner Abwesenheit passiert?

 

Wieso lebt Granny noch? Wieso ist seine Mutter so verwirrt? Wieso ist sein Vater nur noch am golfen? Wo ist ihr Haus- und Hofhund? Wieso telefoniert Tante Esther die ganze Zeit so obzön? Und wieso explodiert gerade die Toilette wo seine Verlobte drauf sitzt...?

 

Woha sage ich nur und das ist quasi alles so im ersten Teil des Bühnenstückes. Und wie sprach der nette Herr nachher meine 14jährige so schön an? „Ganz schön schwerer Stoff, was?“.

Kann man wohl sagen. Aber wirklich im positiven Sinne. Ich war ja schon oft und viel im Theater. Was die wenigen Männeken hier an Leidenschaft auf die Bühne gebracht haben, kann man nur als sensationell bezeichnen und ich lasse mal gerne die Links der hiesigen Presse hier:

 

http://www.kleines-theater-essen.de/Pressetexte/Ansichtskarten.htm

 

Die meiste Zeit waren wir nur am staunen, was die Kollegen da oben auf der Bühne für uns 9 Zuschauer für ein Feuerwerk abgefackelt haben. Doch die Geschichte fordert ja die ganze Aufmerksamkeit. Neben den sehr vielen sehr lustigen Einlagen, kamen immer wieder tieftraurige und sentimentale Einschübe. Alles von den Darstellen perfekt gemeistert.

 

Und doch merkte man, das das ganze mehr auf eine Dramödie zusteuert als auf eine Komödie. Und doch ich will die Auflösung nicht verraten. Nach dem spektakulären Beginn mit herzlich vielen Lachern, wurde der Humor immer schwärzer und die Szenerie wurde nahezu dramatisch.

 

Und doch, manche Geschichten haben kein Happy-End, aber dennoch hinterlassen sie beim Zuschauern ein zufriedenes und glückliches Gefühl.

 

Und das ist schwierig zu bewerkstelligen. Und das haben bislang nur wenige geschafft. Und den Verdienst hänge ich den Darstellern um ihre wohlverdienten selbstbewußten Schultern.

 

 

 

 

Fazit zu 37 Ansichtskarten im Kleinen Theater Essen:

 

 

Respekt. Ein großartiges anspruchsvolles Theaterstück, was aufgrund seiner spärlichen räumlichen Möglichkeiten grandiose Darsteller braucht um die Höhen und Tiefen der Figuren voll auszuloten. Im Detail wenn ich irgendwo Kritik äußern wollen würde, hätte ich das Gefühl, das bei 1 oder 2 Damen manchmal einen ganzen kleinen Tacken das Overacting durchbrach, aber im Großen und Ganzen -und das sage ich jetzt mal im direkten Vergleich zu vielen anderen Bühnenstücken, die ich gesehen habe- war das hier ganze große Schauspielkunst. Mit höchstem Unterhaltungswert. Tragisch, brüllend komisch, todtraurig, nachdenklich und am Ende geht man doch gücklich und zufrieden nach Hause. Respekt

 

Von mir gerne 97 von 100 möglichen Punkten

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