Wilkie Collins - Jezebels Tochter

Ein über hundertfünfzig Jahre altes Buch ist aktueller als faktisch jeder moderne Krimi. Flott, spannend, intelligent, atemlos, so muß ein Krimi sein. 

Über den Umweg meiner Schwiegermutter findet Jezebels Tochter von Wilkie Collins den Weg vor meine Augen. Den meine Gattin hatte es ihrer Mutter ausgeliehen.



 

Zum Äußeren von Wilkie Collins – Jezebels Tochter:

 

Wie für den Autor üblich ein Bild aus der Zeit der Entstehung: Eine hochanständige Dame mit ihrer demütig da sitzenden Mutter, dazu Autor, Titel und Criminal-Roman.

 

Rückseite: Geheimnisvolle Giftfläschchen, eine verführerische Witwe nebst verliebter Tochter, eine resolute Handelsherrin aus London und ein merkwürdiger Irrer sorgen für Gruselspannung in der Mainmetropole Frankfurt.

 

Dieser pittoreske Thriller erschien 1880, verfaßt von Wilkie Collins, dem „Vater des Detektivromans“, und wird hier dem geneigten Leser als deutsche Erstausgabe vorgestellt.

DM 16,90 und ISBN Nummer.





Zum Innenleben von Wilkie Collins – Jezebels Tochter:

 

Wilkie (Williams) Collins wurde 1824 in London als Sohn eines Landschaftsmalers geboren. Mit der Biographie seines Vaters begann seine schriftstellerische Laufbahn. Seine Romane „Die Frau in weiß“ und „Der Monddiamant“ wurden Welterfolge. Er starb 1889 in London.

 

Original 1880, Dt.Erstausgabe Juni 1997 DTV

Umschlagsbild „Friendship Endangered“ (1858) von Frank Stone

Dann beginnt das Buch mit dem ersten Teil auf Seite 7 und es endet auf Seite 368.





Zum Roman Wilkie Collins – Jezebels Tochter:

 

David Glenney im hohen Alter erinnert sich an eine wundersame Begebung zu seinen Jugendzeiten. Es fing damit an, das in 2 völlig unterschiedlichen Städten aus völlig unterschiedlichen Gründen zwei Herren verstarben.

 

Der eine war Professor in Würtzburg und hinterließ eine bezaubernde Witwe nebst Tochter. Der andere war ein erfahrener Handelsmann in London und hinterließ eine Witwe.

David war im Unternehmen in London angestellt. Der plötzliche Tod war ein Schock für das Unternehmen. Mehr noch: Der Erblasser wollte das seine Frau den Betrieb weiterführt, für damalige Verhältnisse faktisch unvorstellbar.

 

Nicht nur das: Die Witwe und Handelsherrin tat nicht nur das, auch die sozial medizinischen „Versuche“ ihres Gattin führte sie weiter. Unter anderem holt sie aus der hiesigen Irrenanstalt Jack Straw raus, der von allen als gemeingefährlich tituliert wird, aber unter ihrer Regentschaft ein treuer, wenn auch merkwürdiger Diener wird.

 

Die Geschichte der beiden Toten verwebt sich, als eine Bitte auf Frankfurt eintrudelt. Der Geschäftspartner der Handelsherrin hat einen Sohn. Dummerweise hat er sich die falsche Braut ausgeguckt und daher bittet der Frankfurter Partner, das sie ihren Sohn in London aufnimmt. (Man ahnt es: Die Braut in spe ist die Tochter der Witwe aus Würzburg. Wir als Leser erfahren, das der verstorbene Professor mit Giften experimentiert hat und in seinem Erbe sich alles wiederfand bis auf die ungewöhnlichen Fläschchen wo neuartige Gifte von ihm erprobt wurden. Das die Witwe auch von ihrer Verwandschaft verstoßen wurde, ist ein weiterer Beweis für unseren Geschäftsmann, seinen Sohn von dieser Tochter fern zu halten.)

 

Als dann unsere Handelsherrin nach Frankfurt reist und der Geschäftspartner auf einmal erkrankt, nimmt die Geschichte noch schnellere Fahrt auf....







Meine Meinung zu Wilkie Collins – Jezebels Tochter:

 

Aufbau, Stil, Atmosphäre, Spannung, entweder man kann es, oder man kann es nicht. Wilkie Collins war brillant. Auch dieser Roman der vor 150 Jahren entstand ist auch heute noch hochspannend. Natürlich wirkt es -zu recht- an der einen oder anderen Ecke, etwas altertümlich.

 

Aber hier geht es um mysteriöse Wendungen, die obwohl die Täterin von vorne rein klar ist, so spannend und verzwickt erzählt werden, das man diesen Kriminalroman nicht aus der Hand legt.

Die Spannung wird nicht durch Blut und Brutalität erzeugt, sondern von der geschickten Verwebung weniger Charaktere die sich unweigerlich über den Weg laufen müssen.

 

Und weder Täter noch Opfer ahnen was auf sie zukommt, sondern sie werden alle durch den Lauf der Zeit zu Handlungen gezwungen, die man nicht ahnen konnte. Auch die Protagonisten nicht.

 

Natürlich kann man bemängeln das unser Jack Straw doch reichlich in die Geschichte reinkonstruiert worden ist. Aber welcher Roman lebt nicht von einer mehr als zufälligen Begegnung? So kommt es, das bei aller natürlich hergeleiteten auf das Finale zu steuernde Geschichte durch unseren Jack eine Wendung übernimmt, die wieder einmal alle Beteiligten komplett überrascht und den Fall wieder in eine andere Richtung wendet. Ich hatte beim Lesen das Gefühl das der Autor seinen Figuren das Ruder überlassen hat und selbst überrascht war, was sich wie wo und wann entwickelt hat. Zumindest las es sich so flüssig, das ich mir nicht vorstellen kann, wie einer ein Storyboard entwirft um unter diesen Schlangenlinien an diesem Ziel anzukommen.

 

Beim lesen hatte ich ständig eine Hollywood Verfilmung vor Augen: Erzählender alter Daniel: Michael Cain, in Jung: Toby McGuire, Madame Fontaine: Julia Roberts und die Tochter: Mila Kunis. Das ganze dann von Guy Ritchie und fertig wäre ein brillanter Film.

 

Nun vielleicht eines Tages. Bis dahin genieß ich noch immer sanfte Gänsehaut die von Seite zu Seite mehr wurde.





Technische Details von Wilkie Collins – Jezebels Tochter:

 

Sex & Drugs: Zigarre 3x, Pfeife 8x, Kuss 6x, Handkuss 2x, Wangenkuss 1x, Stirnkuss 1x, Schnupftabak 1x

 

Rock'n Roll: Vauxhall Konzert 1x, Fritz deutsches Volkslied 1x, Klavier 1x, Minnas Gesang 1x, Sonate für Piaforte und Violine 1x, Glucks herrliche Musik 1x, Schwarz Säuferlied 1x, Hochzeitsmarsch 1x

 

Leichen: Frau 3x, Mann 6x

 

Getränkeliste: Marcobrunner 1x, prickelnde Limonade 1, Branntwein 1x, Beruhigungsmittel 1x, Wein 3x, Wasser 1x, Vergiftete Bowle 1x, Gift 1x, Schlaftrunk 1x, Kaffee 2x, Zitronenwasser 1x, Tee 1x, Ale 3x

 

Fortbewegungsmittel: Pferd 1x, Postkutsche 2x, Nachtpostkutsche 1x, Kutsche 2x, Leichenwagen 2x





Textauszug:

 

Sie war rasch mit der Antwort bei der Hand. „Das hat der Doktor gesagt, um dich zu erschrecken. Er wollte nicht, daß du seine Arzneien noch einmal kostest, ohne daß er dabei wäre. Du hast doppelt soviel getrunken, wie gut für dich gewesen wäre, du Nimmersatt, als du von der hübschen violetten Medizin im Laboratorium gekostet hast. Und du hattest es dir selbst zu verdanken – und keinem Gift -, daß du krank wurdest.“





Fazit zu Wilkie Collins – Jezebels Tochter:

 

 

Ein Buch aus einer anderen Epoche. Aktuell und spannender könnte er heute nicht sein. Aus einer Zeit, als man Hochspannung noch ohne Blut und Sex fabulieren konnte und trotzdem ein Buch schreibt, das man erst wieder zur Seite legt, wenn man es ausgelesen hat.

 

Für mich gerne 98 von 100 möglichen Punkten

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