Stefan Zweig - Die Welt von Gestern

Ehrlich ich finde die Zeit vor dem ersten Zeit bis nach dem zweiten Weltkrieg nicht wirklich spannend. Aber wenn der Autor Stefan Zweig sein Leben beschreibt, seine Gedanken, seine Erfahrungen, dann bleibt man einfach am Ball und hätte noch stundenlang weiterlesen können. Tragisch, ergreifend, schön, imponierend, künstlerisch besonders wertvoll. Eine grandiose Geschichtsstunde, die jeden fesselt.

Meine Frau ist am Bücher aussortieren. Auf dem Weg vor der Ausfahrt blauer Tonne habe ich Die Welt von Gestern von Stefan Zweig vorüber gehend gerettet.



Zum Äußeren von Stefan Zweig – Die Welt von Gestern:


Vorne drauf sieht man eine zeitgenössische Frau und dazu Autor, Titel und Taschenbibliothek der Weltliteratur.


Rückseite: Die zehnte Wiederkehr des Tages, an dem Stefan Zweig von usn ging, ruft den ganzen Kummer wieder in mir wach, der mich beim Eintreffen jener erschütternden Nachricht erfüllte. Ich gestehe, daß ich damals mit dem Verewigtem gehadert habe wegen seiner Tat, in der ich etwas wie eine Desertion von uns allen gemeinsamen Emigrantenschicksal und einem Triumph für die Beherrscher Deutschlands sah … Seitdem habe ich anders und verstehender über seinen Abschied zu denken gelernt, und keinen Augenblick mehr vermag dieser Hingang der Ehrerbietung Abbruch zu tun, die ich für sein Leben, seine die ganze Welt beschäftigende Leistung immer gehegt habe.


Liest man seine Erinnerungsbuch „Die Welt von gestern“, so begreift man ganz wie sehr dieser so expansive wie zarte, ganz auf Frieden, Freundschaft, Liebe, freien geistigen Austausch gestellte Mensch heimatlich gebunden war an die entschwundene Welt, deren Endstunde schon 1914 geschlagen hatte, und wie wenig es ihm zur Schande gereicht, daß er in der Welt voller Haßgeschrei, feindlicher Absperrung und brutalisierender Angst, die uns heute umgibt, nicht fortleben wollte und konnte.


Von Thomas Mann (1952), ISBN Nummer, Abbildung Gustav Klimt „Bildnis Fritza von Riedler“






Zum Innenleben  von Stefan Zweig – Die Welt von Gestern:


Aufbau Verlag 1990, mit einem Nachwort von Kurt Böttcher, 1.Auflage 1990, ein Zitat aus einem Shakespeare Stück, dann beginnt das Buch mit dem Vorwort auf Seite 7 und es endet auf Seite mit dem Nachwort auf Seite 449.





Zum Buch & eigene Meinung zu Stefan Zweig – Die Welt von Gestern:


Zuerst dachte ich ja es wäre ein Roman, aber Stefan Zweig erzählt chronologisch was er in seinem Leben erlebt. Wen er kennengelernt hat. Welche Rolle die oftmals berühmten und bekannten Personen in der Geschichte gespielt haben. Eine Geschichte aus der Sicht von Zweig.


Den Autor kannte ich bis dato nur von der Schachnovelle. Da dieses Buch aber eines der ganz wenigen Bücher ist, die ich niemals wieder hergebe und durchaus nochmal lesen werde, mußte ich die Welt von Gestern lesen.


Das dies seine Autobiografie ist, die, um es vorweg zu nehmen, in seiner depressiven Phase geschrieben wurde und kurz danach ging er in den Freitod, hätte ich nicht gedacht. Man merkt dem Autor an, das er sorgfältig beobachtet und versucht neutral zu schreiben. Und das ist für mich die Überraschung schlechthin. Als österreichischer Jude hat er 2 Weltkriege aktiv erlebt. Die ganze Hatz, die Grausamkeiten und was für ihn vergleichbar schlimm war, die völlige Vernichtung der eigenen Identität, das verbrennen der Bücher, kurz das überstülpen der Demagogen hat er alles erlebt und überlebt und war dennoch in seinem Exil in Brasilien trotz monetären Wohlstandes so weit weg von seinem geliebten Europa, das der Freitod der einzig gangbare Weg für ihn war. Für wahr ein Wahnsinn.


Doch Zweig ist ein Meister seines Fachs. Auch wenn das Buch faktisch 100 Jahre auf dem Buckel hat, ist es so geschrieben, als würde man live wie in der Tagesschau die Geschehnisse von 1900-1940 quasi live erleben. Wir streifen das Leben von Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Sigmund Freud, Maxim Gorki, Walter Rathenau, Leo Tolstoi, Richard Strauss und vielen mehr. Freundschaft war das Lebensmotto von Zweig neben Freiheit.


Er verherrlicht nichts, nicht sich, nicht andere. Er kritisiert, ja aber ohne Haß. Sein Leben lang hat er einen großen Bogen um Politik gemacht. Er wollte und hat sich nur der Muße hingegeben. Welch ein großes Erbe hat uns Zweig hinterlassen.


Ehrlich gesagt konnte ich mich nie für Geschichte begeistern. Hier macht es riesigen Spaß von der ersten bis zur letzten Seite. Obwohl man weiß was kommt und wie es ausgeht, ist es einfach fesselnd. Er beschreibt die Zeit. Seine Gedanken, wertneutral. Seine Gefährten. Ihren Einfluß auf ihn und auf die damalige Zeit. Er beschreibt wie sich die Kriege entwickelten und was danach geschah. Und das muß man erst mal ohne Wut und Zorn hinbekommen.


Fast wirkt das Werk schon depressiv. Er hat sich nie in erste Linie gestellt. Erst durch das Nachwort habe ich erfahren, das er so in dieser veränderten Welt ohne Heimat nicht mehr Leben wollte. Was für ein Wahnsinn für das was er durchgemacht hatte, bzw mit hatte ansehen müssen.


Der Mensch heute lebt schnell. Deshalb haben Zweig Werke sicherlich keine all zu hohen Auflagen. Für lau werde ich auf jeden Fall mir weitere Werke von ihm aneignen. Er schreibt und beschreibt mit solch einer Eleganz und sprachlicher Wucht, das man gefesselt das Buch nicht weglegen möchte. Und im Gegensatz zu einem Künstler wie zum Beispiel Kafka, den ich vor kurzem laß, benutzt Zweig Worte, Bilder, Sätze die man auch durchaus mit einem normalen Hauptschulabschluß lesen und verstehen und Spaß haben kann.


Desweiteren bin und bleibe ich ja ein Fan von Büchern die chronologisch geschrieben sind. Mit seinen berühmten Freunden und Kollegen gibt Zweig nicht an. Er beschreibt sein leben. Er beschreibt die anderen. Aber er gibt niemals an. Er beschreibt die Zeit in der gelebt wurde und welche Menschen welchen Einfluß hatten. Das unpatentiös und uneitel, aber glaubhaft und sympathisch.


Allerdings und auch das kommt erst im Nachwort raus: Zweig ging es immer gut. Materiell wie persönlich. Seine Verzweiflung beruht hauptsächlich auf die künstlerische Einschränkung. Und obwohl der die ganzen Brutalitäten größtenteils mitbekam bekümmerte ihn hauptsächlich die Einengung des Geistes. Wahnsinn.....





Textprobe von Stefan Zweig – Die Welt von Gestern:


Kaum hatte ich mein entschiedenes Nein ausgesprochen, so ereignete sich ein dreifacher Zwischenfall. Der hagere Mensch zwischen den beiden Polizisten richtete sich plötzlich auf und sah mich mit einem unbeschreiblichen Blick der Dankbarkeit an, den ich nie vergessen werde. Der Präfekt legte zufrieden die Feder hin, auch ihm war es sichtlich angenehm, daß meine Weigerung den Dieb zu verfolgen ihm weitere Scherereien erpsarte. Aber anders mein Hauswirt. Er bekam einen puterroten Kopf und begann heftig auf mich einzuschreien, das dürfte ich nicht tun, dieses Gesindel „cette vermine“, müsse ausgetilgt werden. Ich hatte keine Vorstellung, was diese Sorte für Schaden anrichtete.





Fazit zu Stefan Zweig – Die Welt von Gestern:


Ein Leben in, zwischen und mit Kriegen. Und der Untergang der zeitgenössischen Kunst treibt den jüdischen Exilanten in den Freitod. Hut ab vor einem großen Künstler. Respektables Wert für jeden der gute Bücher mag, oder der auf unterhaltsame Weise die erste Hälfte des letzten Jahrtausends geschichtsmäßig aufarbeiten möchte.



99 von 100 möglichen Punkten. Klar vertritt der Autor seinen Standpunkt, aber das ist so unterhaltsam geschrieben, hoffnungsvoll, trotz des ganzen Leides, ich würde so ein Buch als Pflichtlektüre empfehlen.

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